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ESO-BERICHT 2016

AUSFÜHRLICHER TEXT DES ESO-BERICHTS 2015

Ausführlicher Text des steirischen ESO-Berichts 2015 mit allen Details

© LOGO jugendmanagement

Download ESO-Jahresbericht 2015


SIE NAGEN AN DEN WURZELN DER DEMOKRATIE

Radikale religiöse und politische Bewegungen verändern unsere Gesellschaft

Im letzten Jahr kulminierten die Anfragen und Gespräche bezüglich Islamismus und IS bei der LOGO ESO.INFO. Jihadismus und IS sind sehr wohl Thema, für eine nicht zu unterschätzende Anzahl Jugendlicher sogar ein höchst essentielles. Das bestätigten mir Gespräche mit Streetworker_innen und in der offenen Jugendarbeit (z.B. in Jugendzentren) Tätigen. Im Zentrum jener, die eindeutig gegen den Islamismus sind, standen meist Fragen wie: „Wieso kann jemand so dumm sein, sich einer Terrorgruppe anzuschließen?"

Nun: Mit „Dummheit" hat das meist weniger zu tun. Bei meiner Arbeit mit Eltern und Jugendlichen versuche ich, die Gründe der Jihadbegeisterung nachzuzeichnen und verständlich zu machen, in der Überzeugung, dass ein fundiertes Verständnis der Anziehungskräfte extremistischer Gruppen gesellschaftlich wertvoll und der Prävention dienlich ist. Die Erfahrung zeigt, dass im Gegensatz zur Jahrtausendwende heute der Begriff „Fundamentalismus" in der Bevölkerung deutlich bekannter ist, allerdings fehlt ein detailliertes Wissen, worum es sich eigentlich handelt.

Islamistische Werber_innen z.B. suggerieren Jugendlichen, wie wertvoll sie sind, dass der Islam sie braucht, dass sie die Welt verändern können. So wird das Selbstwertgefühl gesteigert. Auch in Europa nutzen die Werber_innen diese emotionalen Schwachstellen Jugendlicher. Sie bieten ihnen eine Handlungsperspektive. Und eine Struktur. So beten Salafisten fünfmal täglich, studieren gemeinsam einschlägige Texte. Eine Mischung aus elitärem Koranunterricht, modernen Medien und jugendlicher Vulgärsprache findet statt. Den neuen Adepten winkt Ansehen in der Gemeinschaft und Rehabilitierung durch die Religion, die von früheren Sünden rein wäscht. Es handelt sich um eine „schnelle religiöse und soziale Dusche", also um eine spezifische Spielart moderner Instantesoterik. Dazu wird mit mystischen und esoterischen Versatzstücken gearbeitet. IS setzt eigene Mythen in die Welt, um sich zu verherrlichen und als von Gott gewollt darzustellen. Jugendlichen werden Zukunftshoffnungen vermittelt, die mit gesellschaftlichen und religiösen Utopien verbunden werden. Mit anderen politischen Inhalten versehen finden wir viele dieser Wirkungsmechanismen, Manipulationen und Anwerbestrukturen auch in der jugendlichen Neonazi- und Rechtsextremismusszene.

Unsere Gesellschaft sollte zur Kenntnis nehmen: Fundamentalistische Strömungen, die wir am Rand aller Weltreligionen und auch außerhalb dieser finden, sind die weltweit am stärksten wachsende Spielart neuer religiöser Bewegungen. Fundamentalismus umfasst ein weites Spektrum: Vom Gläubigen, der sich ausschließlich an das geschriebene Wort seiner heiligen Schrift, sei es die Bibel oder der Koran, und damit an vor Jahrhunderten gültige Lebensbedingungen und gesellschaftliche Prägungen klammert und der die modernen theologischen Interpretationsbemühungen verurteilt bis hin zum radikalisierten, militarisierten Kämpfer, der in den angeblich heiligen Krieg für den angeblich einzig wahren Glauben und Weg zu Gott ins Gefecht zieht. Fundamentalistische Gruppen teilen mit den so genannten Sekten fast alle Merkmale; was die japanische AUM-Sekte mit dem Giftgasanschlag in der U-Bahn von Tokio im Kleinen inszenierte, betreiben Al Qaida und IS im Großen.

Um eingangs erwähntes Unwissen bezüglich des Fundamentalismus für Interessierte zu beheben, entschloss ich mich heuer zur Herausgabe der Fachbroschüre „Jihadisten, arische Christen und der Mann, der Mahatma Gandhi erschoss", die, obwohl medial noch nicht vorgestellt, österreichweit bereits großes Interesse weckte. Vor allem Lehrer_innen bekundeten große Begeisterung, da die Fachbroschüre für den Unterricht nützlich sei. Sie ist eine Information zu einem gesellschaftlichen Phänomen, das die Schlagzeilen der Medien füllt und die Demokratie bedroht. Die politische, antidemokratische Dimension fundamentalistischer Strömungen steht im Kern der Dokumentation vorliegender Broschüre, aber auch mythische Bezüge werden ausgeleuchtet. Aus Aktualitätsgründen befindet sich der Islamismus im Kern der Betrachtungen, so werden u.a. Taliban, Muslimbrüder und IS kurz erläutert. Aber auch der von den USA ausstrahlende christlich-fundamentalistische Rechtsextremismus wird in aller gebotenen Kürze erklärt.

Die Broschüre ermöglicht Jugendlichen, Jugendarbeiter_innen, Lehrer_innen, Eltern und allgemein an der Thematik Interessierten einen essentiellen Überblick über die Zeitgeistströmung Fundamentalismus. Ungebrochen gilt: Wissen ist Macht, Information eine Säule der Aufklärung und Prävention.

Gleichzeitig forschte Stefan Ederer über die Werbestrategien von IS und anderen fundamentalistischen Radikalen im Internet und Facebook und gab sodann die Fachbroschüre „Propaganda 2.0. Über den Alltag radikalisierter Jugendlicher im WEB 2.0" im Rahmen der LOGO ESO.INFO heraus. Die erste Arbeit, die detailliert die Spuren der religiösen motivierten Demokratiefeind_innen im Internet verfolgt und aufzeigt.

Gerade der IS entpuppte sich, wie ich bei vielen Gesprächen erkennen musste, als eine weltanschauliche Herausforderung für die Demokratie. Das Kalifat und die Scharia als Alternative zu Demokratie und Freiheit. Ungeschminkt formulierte einst Osama bin Laden: „Demokratie ist Gotteslästerung." Diese Gesinnung teilen heute jihadistische Salafisten_innen und andere radikale Muslima und Muslime, aber auch rechtsextreme christliche Gruppen, die vor allem in den USA zu dem großen Endzeitgefecht rüsten.

So pervers es klingen mag: Vielleicht bedeuten die ideologische Enge und die repressiven Verhaltensregeln radikaler fundamentalistischer Gruppen für uns Europäer_innen und Österreicher_innen auch eine Chance: Vergangene Generationen haben die Demokratie mit ihrem Blut, mit großem Engagement erkämpft. Heute akzeptieren viele Jugendliche die Demokratie, finden sie auch irgendwie recht cool, allerdings musste ich oft erleben, dass sie die Vorstellung pflegen, dass Demokratie wie Manna vom Himmel fällt. Aber demokratische Werte müssen von jeder Generation neu erstritten, mit neuem Leben erfüllt werden. Die Frage ergeht bei fast allen meinen Gesprächen und Vorträgen an junge Menschen: Wollt ihr in einer Diktatur leben oder in der Gesellschaft, wie wir sie kennen, in einer Demokratie mit all ihren Schatten und Schwachstellen?

Die zweite große antidemokratische zeitgenössische Strömung ist der Rechtsextremismus. Aus der subjektiven Sicht der LOGO ESO.INFO fand im letzten Jahr hier eine leichte Beruhigung mit Ausnahme der Identitären statt. (Eine Aussage ohne allgemein gültigen wissenschaftlichen Anspruch. Diese Beobachtung steht im leichten Gegensatz zu Erkenntnissen des österreichischen Verfassungsschutzes, der kontinuierlich eine Zunahme rechtsextremer Straftaten verzeichnet.) Dafür intensivierten sich Gespräche mit oft verzweifelten Eltern, die über die rechtsextremen Ansagen, T-Shirts und auch politisch-aktivistischen Ambitionen ihrer Kinder sehr besorgt waren. In diesen Gesprächen geht es primär darum, abzuklären, ob sich der Jugendliche eher im Stadium des Protestrechtsextremismus befindet, das öfters nach Monaten wieder (etwas) abebbt, oder ob bereits Verflechtungen mit der politischen Szene bestehen, die sich u.a. in der Teilnahme an einschlägigen Demonstrationen etc. zeigen. Via Internet ist eine diesbezügliche Vernetzung der jungen rechten Recken in spe kein Problem. Wie auch beim Jihadismus sind oft Identitätsprobleme, Unzufriedenheit mit Staat und Gesellschaft, Arbeitslosigkeit, Schulversagen und eine meist diffuse Ausländer_innenfeindlichkeit maßgebend für die Hinwendung zu rechtsextremen oder gar neonazistischen Parolen und Weltbildern, die mit ihren mythischen Bezügen durchaus in den Bereich des Religiösen eindringen; man denke daran, dass der Nationalsozialismus zu Recht als politische Religion in der Wissenschaft bezeichnet wurde und dass die Neue Rechte intensiv auf Mythen und esoterische Versatzstücke setzt.

Wie bereits erwähnt haben die Aktivitäten der neurechten, im universitären Bereich aktiven Jugendbewegung der Identitären in Graz deutlich zugenommen. Davon zeugen Wellen intensiven wilden Plakatierens mit kleinen Aufklebern und nach außen hin poppigen Sprüchen, hinter denen sich ein völkisch garniertes Weltbild versteckt. Die Identitären suchen Konfrontationen im öffentlichen Raum. Davon zeugt nicht zuletzt ein von ihnen massiv gestörtes und sodann gesprengtes identitärenkritisches Programm im Grazer universitären Bereich im Mai 2015. Die Identitären sind trotz aller Verniedlichungsversuche und Kleinrederei zu einer ernst zu nehmenden neurechten Kraft in Österreich geworden, die in Graz ihr Zentrum hat. In Wien scheinen sie weniger stark aktivistisch unterwegs zu sein.

In der Presse und in der Öffentlichkeit präsentieren sich Rechtsextremismus und Islamismus (bzw. der radikale Fundamentalismus verschiedener Spielarten) als die politischen Gegner schlechthin. Meine Forschungen haben ergeben, dass dieses Gegensatzpaar zwar an der Oberfläche stimmig ist, dahinter jedoch durchaus Gemeinsamkeiten – so im Verhalten und im Weltbild – evident werden. Die Arbeit der LOGO ESO.INFO konzentriert sich zur Zeit auf die Bewusstmachung der antidemokratischen Strömungen im Fundamentalismus und Rechtsextremismus, davon ausgehend, dass die politische Konfrontationslinie hinter den Kulissen weniger zwischen Rechtsextremismus, Pegida & Co und Islamismus verläuft, sondern zwischen der Demokratie und den Anhänger_innen eines autoritären Staates mit diktatorischen Elementen.

DIE GEMEINSAMKEITEN:

  • Ohne einen charismatischen, unfehlbarer Führer mit dem heiligem Auftrag, die Nation zu einen, die wahre Religion oder Weltanschauung durchzusetzen, was nur durch die totale Vernichtung der Feinde zu erreichen ist, geht fast nichts. Den Gegner_innen wird unverhohlen, oft theatralisch, mit Vergeltung gedroht.
  • Hass gegen alle Anderen / Fremden schweißt die Gemeinschaft zusammen; ebenso ein permanenter Verfolgungswahn der das Böse immer und überall ortet. Allgegenwärtige Weltverschwörungstheorien, die auch eigenes Versagen entschuldigen, lenken von realen politischen Verhältnissen ab.
  • Eine radikale Schwarz-Weiß-Malerei befördert die Anhänger_innen in das Reich der Guten.
  • Bevorzugte Feinde sind Juden (extremer Antisemitismus!), die Aufklärung und die Menschenrechte, der Marxismus und die modernen westlichen Demokratien. Weitere Feindbilder sind austauschbar und werden an nationale / regionale Problemfelder und fragwürdige Traditionen angepasst.
  • Die Verherrlichung von Militarismus und Opferbereitschaft manipuliert junge Leute zu bedingungslosem soldatischem Gehorsam
  • Zentral in der Ideologie ist ein Kult der Überlieferung. Die Wahrheit ist bereits offenbart, die strikte Befolgung des Überlieferten und des Wissens der Ahnen ist der Weg zum Heil, eigenständiges Lernen und Denken ist unerwünscht. Salafist_innen, Dschihadist_innen und Fundamentalist_innen anderer Religionen sind gegen zeitgemäße Textinterpretationen, das angebliche Wissen der Ahnen, so z.B. der Germanen wird modernen Welterklärungsmodellen vorgezogen.

(Diese Ausführungen decken sich weitgehend mit den Erkenntnissen von Hames Abdel-Samad: Der islamische Faschismus, passim. Der im universitären Bereich tätige Autor erhielt Morddrohungen und steht in Deutschland unter Polizeischutz.)

Zur Erinnerung: Al-Banna, Begründer der Muslimbruderschaft, war ein großer Bewunderer Mussolinis und Hitlers. Faschismus und Islamismus entstanden zugleich in den zwanziger Jahren und bedienten ähnliche Bedürfnisse des Volkes. Heute sympathisieren die türkischen faschistischen Grauen Wölfe, die es auch in Graz gibt, in Deutschland mit der NPD. Etc., etc.

DIE STÄRKUNG DES DEKOMKRATISCHEN GESELLSCHAFTLICHEN IMMUNSYSTEMS GEGEN DEN TOTALITÄREN VIRUS:

Der jungen Generation Hoffnung auf Zukunft, kreative Tätigkeiten, gerechte, sichere Verdienstmöglichkeiten und Muße (!) ermöglichen und egalitäre utopische Gesellschaftsentwürfe sowohl politischer als auch religiöser Ausrichtung wieder zulassen. Den Wert der Phantasie neu erkennen. Eine Allianz aller demokratischen, humanitären gesellschaftliche Kräfte politischer und religiöser, auch neuer spiritueller Ausrichtung. Förderung demokratischer jugendlicher (Gegen-)Kulturen. Untermauerung der demokratischen Überzeugung durch eine vielfältige, bunte, in allen Regionen blühende zeitgenössische Kleinkunstszene. Neue Orientierung an einer metapolitischen Aufgabenstellung, die den neoliberalen Materialismus überwindet.

Regionalismus und Spiritualität

Im Zuge der Wirtschaftskrise erfolgte vor allem im ländlichen Bereich eine verstärkte (ideologische) Hinwendung zu regionalen Wirtschaftsstrukturen und eine neue Konzentration auf „Region". Neben herkömmlichen wirtschaftlichen Unternehmungen erfasste der regionale Gedanke auch junge Menschen, deren Interesse zwischen biologischem Landbau, neuen Lebensformen und verschiedenen Formen der Spiritualität – meist zwischen Yoga und naturreligiösen Lehren pulsierend – angesiedelt ist. Am Rande dieses neuen Trends tauch(t)en auch sektoide rechte Personen und Kleinstgruppen auf, die auf „lockere" Art Antisemitismus und rechtsextreme Versatzstücke verbreiteten.

Gleichzeitig erfolgte der neue Sub-Trend, dass in esoterischen Kreisen und Medien politische Themen, vor allem Großkonzern-kritische und EU-Austritt-freudige, diskutiert und publiziert wurden. Ob diese sanfte Teil-Politisierung der Esoszene anhält, kann zur Zeit nicht prognostisiert werden. Auf jeden Fall finden wir 2015 in der steirischen Esoterikzeitschrift „Pulsar" deutliche Impulse für eine Verbindung von Regionalismus und Esoterik. Die Argumentationslinie basiert auf dem Gegensatz zwischen Zentralismus und Eigenverantwortung. Zentralismus, wie – so Autor Supoanz – von der „von einem Heer von Lobbyisten der Konzerne" dominierten EU praktiziert, führe zu Unterordnung. Dagegen bedeute Eigenverantwortung die geistige Prämisse für die Intensivierung politischer Prozesse auf lokaler Ebene. „Dabei ist immer die Lokalisierung der Macht entscheidend: die Betroffenen selbst gestalten den politischen Willensprozess und nicht ferne Analysten von Großbanken." (Franz-Josef Suppanz: Gelebte Eigenverantwortung. In Pulsar 3/15, S. 48) Als Alternative wird die „Anarchie" gefordert, und zwar in der Begriffsdefinition von „Gemeinschaften ohne Staat". Diese Utopie sich selbst verwaltender (Dorf-) Gemeinschaften weist starke Parallelen zu dem politischen Konzept des Anarchisten Mahatma Gandhi auf, aber auch zu politischen Botschaften der nordamerikanischen Indianerbewegung und alternativen Konzepten der siebziger und achtziger Jahre, für die noch die frühen Grünen (ALÖ) ansprechbar waren. Um die Zentralmacht zu schwächen wurden in dem Pulsarbeitrag von Suppanz (die als Gewerbe bei der Wirtschaftskammer angesiedelten!) Energetiker aufgefordert, das EU-Austritts-Volksbegehren (24.06. – 01. 07.2015) zu unterzeichnen. Auch der Kongress „Impulse für die neue Zeit" (06. und 07. 06.2015) in Salzburg wies in diese ideologische Richtung.

REGIONALISMUS, TEILE DER ESOTERIK UND TEILE DER NEUEN SPIRITUALITÄT VERBÜNDEN SICH GEGENWÄRTIG ZU EINER ZWAR NICHT NEUEN, ABER NEU ERSTARKENDEN ZEITGEISTSTRÖMUNG.

Geistiges Heilen steigt in der Nachfrage

Geistiges Heilen ist seit Jahrzehnten ein wichtiges Produkt des esoterischen Markts. Pulsar hat in Graz bereits 21 einschlägige Kongresse organisiert und durchgeführt. Der Trend zu Heiler_innen und Heilkongressen steigt weiter, wie zahlreiche Werbungen – nicht zuletzt für einen Internationalen Heilerkongress der „Schule der Geistheilung" im renommierten steirischen Pichlmayrgut (22. – 24.05.2015) – beweisen. Auch bei Gesprächen im Rahmen der LOGO ESO.INFO nimmt die Thematik an Bedeutung zu, wobei meist über damit verbundene Problemfelder kommuniziert wird. Im Rahmen des modernen Geistigen Heilens entstehen neue „Berufsbezeichnungen", so sind bereits u.a. „Aurachirugen" unterwegs.

Auch der allgegenwärtige, seit den achtziger Jahren permanent boomende Neoschamanismus ist weiter leicht zunehmend. Wenn die ursprünglichen archaischen Ekstasetechniken, eingebettet in das soziale Gefüge einer Gemeinschaft, heute u.a. als „Mind Power Events" für die oft isolierten Menschen der Industrienationen vermarktet werden, wird deutlich, wie wenig der moderne „Schamanismus" mit seinen archaischen Ahnen gemeinsam hat. Die zahlreichen Warnungen von z.B. indianischen Medizinleuten bezüglich dieses Trends sind heute fast unbekannt. Vorkämpfer für einen behördlich anerkannten Schamanismus ist Kurt Fenkart, dessen Verkündigung eines staatlich anerkannten Schamanismus zurück genommen werden musste. Allerdings versucht Fenkart weiterhin, seine Schamanenausbildung, die auch in der Steiermark beworben wird, mit dem Gewerbe der Energetiker_innen und Lebens- und Sozialberater_innen zu verknüpfen. Folgendes Zitat gibt einen guten Einblick in die zwar nicht dezidierte, aber suggerierte Verschmelzung verschiedener Gewerbe und Ausbildungen, die im Zeitgeist ist:
„Um im Rahmen der in Österreich geltenden gesetzlichen Regelungen wirklich in vollem Umfang als Schamane tätig werden zu können, ist es auch möglich, an der Schamanismus-Akademie zusätzlich die Ausbildung zum Lebens- und Sozialberater zu absolvieren. So können Sie sich nicht nur als Schamane, sondern auch als Diplom-Lebensberater selbstständig machen. ... Mit der Ausbildung zum Schamanen, Energetiker und Lebens- und Sozialberater investieren Sie nicht nur in berufliche, sondern auch in ihre persönliche Weiterentwicklung!„ (Zit. in Pulsar 2/15, S.4)

Wiesersehen mit einem alten Bekannten: Guru Maharaj Ji alias Prem Rawat klopft an die Türen Österreichischer Institutionen

Einigen steirischen (Bildungs-)Institutionen wurde das „Friedens-Bildungs-Programm" (Peace Education Programm, PEP) der Stiftung „The Prem Rawat Foundation (TPRF) angeboten. Dahinter verbergen sich die Schüler_innen des in den siebziger Jahren als Guru Maharaj Ji, „Herr des Universums" und „Perfekter Meister" negative Schlagzeilen produzierenden Guru, dessen damalige „Divine Light Mission" als Protoyp einer Jugendsekte betrachtet wurde. In das Kreuzfeuer der Kritik geriet der 1957 in Indien geborene Guru, bei dessen Darshan genannten Audienzen im Rahmen von Festivals viele Geldkuverts den Besitzer wechselten, durch seine große Vorliebe für teure Autos und später auch Flugzeuge. US-Kritiker_innen warfen ihm Kooperation mit der CIA vor. Heute lässt er sich, wohl um dem negativen Image zu entkommen, schlicht Prem Rawat nennen. 1983 mutierte die Divine Light Mission zu "Elan Vital", 2001 entstand "The Prem Rawat Foundation", 2008 „Words of Peace Global". Die mystische Einweihung in die Meditation, früher "Knowledge", heute „Schlüssel" genannt, erfolgt primär via DVDs. Auch der Kontakt der Schüler_innen mit ihrem in Kalifornien lebendem Guru erfolgt primär durch die neuen digitalen Medien. Angeblich hat Prem Rawat heute Hundertausende Anhänger_innen, auf jeden Fall aber eine unkritische, verklärende Darstellung auf Wikipedia. Im Gegensatz dazu organisierten sich enttäuschte Anhänger_innen im Internet und bekämpften sein Wirken.

Kritische Literatur:

  • Robert Greenfield: The Spiritual Supermarket. An Account Of Gurus Gone Public In America, USA 1975
  • Michael Finch: Without The Guru. How I Took My Life Back After Thirty Years, Charleston 2009
  • http://ex-premie.org

Esoterik

Die Tätigkeiten esoterischer Minisekten sorgt weiterhin in der Steiermark für Problemfelder, Angehörige klagen über erzwungene soziale Trennungen und finanzielle Ausbeutung sowie über die Vermittlung skurriler Lehren, die u.a. von angeblichen Engelwesen den lauschenden Gläubigen mitgeteilt werden.

Um der Schwemme esoterischer Angebote im Bildungsbereich einen Riegel vorzuschieben, arbeitete Ö-Cert, das staatliche Gütesiegel für Bildungseinrichtungen, lange und intensiv an einem Modell, das die Zahl von Esoveranstaltungen in Bildungshäusern beschränkt und sehr bedenkliche Esoangebote völlig untersagt – sonst gibt es kein Gütesiegel mehr. LOGO ESO.INFO wurde in den vorbereitenden Entwicklungsprozess integriert. Die vielbeachtete Informationsveranstaltung in Form eines Symposions fand am 26. und 27.01.2015 am Retzhof statt. In diese Richtung ging auch das neue Therapiegesetz, das eine klare Trennung esoterischer und anderer Methoden vorschreibt. Die Kritik an der irreführenden Vermengung von esoterischen und anderen Heilmethoden wird schon länger geäußert. Vermutlich auch aus diesem Grund traten mit Juni 2014 die „Standesregeln Humanenergetik" in Kraft, die den in der Wirtschaftskammer angesiedelten Energetiker_innen strenge Regeln vorschreiben. So u.a.: „Sie stellen keine Diagnose, führen keine Therapien und Behandlungen im medizinischen Sinne durch oder üben keine Heilkunde im gesetzlichen Sinne aus. Sie stellen durch geeignete Maßnahmen sicher, dass bei Klienten nicht der Eindruck entsteht, dass ärztliche Behandlungen durchgeführt werden oder Leistungen der freien Berufe oder reglementierten Gewerbe erbracht werden." (Zit. in Pulsar 7/14, S. 45)

Neue esoterische Bewegung aus Russland mit starken Rechtsextremen Tendenzen wird im deutschen Sprachraum aktiv

Aus dem Ausland und aus der Steiermark erreichten die LOGO ESO.INFO Mitteilungen und Warnungen über die Anastasia Bewegung. Die Gruppe bezieht sich auf die fiktive Figur der „Anastasia, Tochter der Taiga" des russischen Autors Wladimir Megre. Seine Bücher stellen einen Mix aus Naturreligion, Esoterik und – laut Kritiker_innen – Verschwörungstheorien und Geschichtsrevision dar. In Deutsch erschienen die Bücher meist im Govinda Verlag, der eng mit ISKCON (volkstümlich „Hare-Krishna-Sekte") verbunden ist. Die Auflagen gehen in die Millionen, inzwischen hat sich rund um den Anastasia-Kult ein reges kommerzielles Treiben ausgebreitet. In Russland, der Ukraine, Weißrussland und Deutschland entstanden Kommunen der Bewegung, die hohe Zuwächse erzielen können. In Russland sind es über 200 Familienlandsiedlungen, 12 sind es in Deutschland. Entsprechende Gruppen gibt es in Salzburg Land, Niederösterreich und Wien. In Graz wird gegenwärtig am Aufbau einer Anastasiagruppe in esoterischen Kreisen gearbeitet.

Anastasiaprojekte ziehen viele orientierungslose Menschen an, denen Beachtung geschenkt wird. Grundlegend ist eine radikalalternative, mit Esoterik garnierte Aussteigerromantik, die sich um autarke Regionen und Selbstversorgung durch landwirtschaftliche Tätigkeiten auf „Familienlandsitzen" von einem Hektar Größe dreht. Die Anhänger_innen, die der modernen Technologie entsagen sollen, werden oft mit einer radikalen Gegnerschaft zum bestehenden demokratischen System konfrontiert. Einzelne Anhänger_innen der Bewegung fordern immer wieder dazu auf, Kinder nicht in staatliche Schulen zu schicken, da sie dort angeblich nur Lügen über die deutsche Geschichte lernen. Historiker_innen, Religionswissenschaftler_innen und Vertreter_innen der russisch-orthodoxen Kirche bezeichneten die Anastasiabewegung als „totalitäre, destruktive Sekte". (Wikipedia, 09.06.2015)

In Österreich konnte auch OPPT einen Vortrag – organisiert von einer Anastasiagruppe – halten. OPPT und Anastasia-Kult treten in Internetpräsentationen gelegentlich gemeinsam auf. (u.a. www.anastasialand.at/aktuelles-termine, 03.06.2015) OPPT, der „One Peoples Public Trust", wurde medial als „Polit-Sekte" tituliert. Der Verfassungsschutz führte im Waldviertel 2014 eine Razzia im Gehöft der Gruppierung, die mit skurrilen Methoden Erlösungswillige von Staat und Banken befreien möchte, durch. In der Steiermark ist OPPT auch nach der polizeilichen Razzia und nach untergriffigen Schmähungen gegen die LOGO ESO.INFO nach dem letzten Esobericht in kleinem Rahmen präsent.

Widersprüchlichkeiten sind deutlich sichtbar: „Um den Anastasia-Kult hat sich in der Zwischenzeit auch ein reges Anastasia-Geschäft entwickelt. Gezeigt wird dazu auch immer wieder das gleiche Bild einer geschminkten Frau. Zu sehen ist, dass sie einen Lippenstift benutzt und der Lidschatten nachgezeichnet ist. Dass diese Person halbnackt unter wilden Tieren lebt und sich von Nüssen ernährt, erschient zweifelhaft." (www.psiram.com, 09.06.2015)

Der Mainstream der Bewegung ist radikalalternativ, im weitesten Sinne linksliberal. Dazu gesellen sich aber intensive rechtsextreme und nationalistische Kräfte, die ihre Ansichten esoterisch verbrämt verbreiten. Ihnen kommt entgegen: Die Bewegung sieht im Christentum und der orthodoxen Kirche eine Droge oder „ausländische" Ideologie. Neuheidentum ist angesagt. Die Gegner der Anastasia sind immer und überall: „Mächtige internationale Konzerne, ausländische Sicherheitsdienste, geheime Priester, die die Welt regieren ... „Zu den absolut Bösen zählen auch die Sektenbeauftragten, die „als eine kleine, gemeine, alte und ausländische Sekte der Bioroboter" beschimpft werden. Alle Misserfolge der uneinheitlichen Bewegung werden von Autor Megre dunklen Kräften und Sektenbeauftragten angelastet. (Vladimir Martinovich, www.religio.de/dialog/114, 09.06.2015)

Im deutschen Sprachraum ist der Russe Oleg Pankow mit der Anastasiabewegung verbunden. Seine Seminarwerbungen, u.a. über „Urahnenerbe Germania", machen gelegentlich auch in der Steiermark die Runde. Er bezeichnet sich als Geschichtsforscher, Wahrsager und Heilkundiger, der eine Art Wedischer Rassenkunde lehrt. Im Internet warb er für eine esoterisch-politische „Ahnenreise" nach Rügen zu Pfingsten 2015, wobei der Kontakt zu den „Urquellen" der „Wedisch Russo-Arischen Familienstammeskultur im Urahnenerbe" versprochen wird. (www.Wetsche.de/viewtopic.php?f=17&t=95, 01.06.2015) Leute der NPD, des rechtsextremen Freibunds (früher Bund Heimattreuer Jugend) und der rechtsextremen Reichsbürgerbewegung schließen sich diesem Zweig der Anastasia-Bewegung an. Wachsamkeit ist angesagt, da die Mischung skurriler esoterischer und rechtsextremer Ideologien mit systemkritischen Kräften, neuem Regionalismus und aufblühenden Tauschkreisen, die zu neuen ungewohnten Koalitionen am Rande der Gesellschaft führt, auch in der Steiermark immer wieder zu beobachten ist.

Grazer Treffen der altesoterischen Vereinigungen

Zu Ehren von 400 Jahren Rosenkreuz fand unter dem Motto „Die Erneuerung der Welt – Heute" im April 2015 in Graz ein Symposium statt, das altesoterische Organisationen (darunter versteht man esoterische Vereinigungen, die bereits vor der modernen Esowelle der achtziger Jahre existierten) vereinte: Die Stiftung Rosenkreuz, die Anthroposophische Gesellschaft, die Hermetische Gesellschaft etc.. Als Veranstalter zeichnete das Zentrum Phönix, hinter dem die Neue Akropolis (NA) steht. Diese ist vor allem in Graz sehr aktiv und präsent. Früher wurde die NA von vielen Kritiker_innen als neofaschistische Sekte bezeichnet, u.a. wegen einiger Aussagen ihres Gründers Livarga. Heute präsentiert sich die NA als eher multikulturelles Unternehmen, das keinen Bezug zu rechten Ideologien wünscht. Die NA hat einen starken Bezug zur Theosophie und verehrt deren Gründerin Madame Blavatsky, die wegen ihrer die Arier verherrlichenden „Wurzelrassenlehre" später heftig kritisiert wurde, ebnete diese esoterische Lehre doch über die Ariosophie den Weg in den okkulten Nationalsozialismus.

Sri Chinmoy

Intensive Aktivitäten setzten die Schüler_innen des verstorbenen Gurus Sri Chinmoy vor allem mit Konzerten in Wien und Graz. Dabei war wieder wildes Plakatieren angesagt. Die Gruppe betreibt die SEWA-Läden. Der Guru galt als autoritär, sexuelle Enthaltsamkeit zählt zu den Geboten.

Mutter Maria

Zahlreiche besorgte und kritische Anfragen gab es zur boomenden Eso-Guru-Dame Mutter Maria, die die fünfte Lichtdimension verkündet und meint, mit einem gewissen Erzengel Michael und „hohen Räten des Lichtes" zu kooperieren. (U.a. Pulsar 7/14, S.53)

Statistik

Im Jahr 2014 verbuchte die LOGO ESO.INFO 1.704 Kontakte, wovon 466 (27 %) von Jugendlichen verfolgten und 1238 (73 %) von Eltern, Jugendverantwortlichen und weiteren Erwachsenen. Knapp die Hälfte der Anfragen (700) erfolgte zum Thema Esoterik.

Über die LOGO JUGEND.INFO wurden im Jahr 2014 39 Mal Themen der LOGO ESO.INFO nachgefragt. Den größten Teil der Anfragen stellen MultiplikatorInnen. Der Anteil an Männern und Frauen ist ausgewogen verteilt. Ca 64 % der Anfragen wurden schriftlich (E-Mail, Bestellung) gestellt, rund 29 % persönlich und ca. 7 % telefonisch.

Im ersten Halbjahr 2015 verzeichnete die LOGO ESO.INFO 791 Kontakte.

Auf www.logo.at wurden die Medien der ESO.INFO im Berichtszeitraum über 10.000 Mal vollständig heruntergeladen. Hier die Top-5 der Downloads der ESO.INFO-Medien:

ESO.INFO-Medien Downloads
 1   Fachbroschüre „Rechts rockt?" 2.965
 2  Fachbroschüre „Schwarze Szene", 2. Auflage 2.880
 3  Pressespiegel der ESO-PK 2014 2.060
 4  Steirischer ESO-Jahresbericht 2014 809
 5  Fachbroschüre „Die braune Aura der Esoterik"  469


DANKE!

Vielen Menschen und Organisationen danke ich für Informationen, Kooperationen und Unterstützung, speziell den Kolleg_innen Johannes Heher, Ulrike Schriefl, Veronika Strauß und der Geschäftsführerin Mag.a Uschi Theißl von LOGO sowie Alex Mikusch.

Dr. Roman Schweidlenka
[Leiter der LOGO ESO.INFO]

Graz, 15. Juli 2015

PROJEKTE:

Mitmischen bei den Wahlen in der Steiermark und Vielem mehr. Verbindungen knuepfen, Gemeinsamkeiten entdecken, Bewusstsein schaffen. Beteilige dich an den ersten steirischen Jugendgesundheits-konferenzen! Gesundheitskompetenz in der professionellen, ausserschul. Jugendarbeit.

Stadt Graz, Amt für Jugend und Familie auf www.graz.atLand Steiermark, Abteilung 6 Bildung und Gesellschaft auf www.verwaltung.steiermark.at

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