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FUSSBALL

Von den historischen Wurzeln zu den profitgetriebenen Massenekstasen der Gegenwart

Aufgeschlagenes Buch© PublicDomainPictures | pixabay.com

Die Ursprünge des Fußballs verlieren sich im mythischen, kultischen Bereich. Meist wurde der Ball nicht nur mit dem Fuß, sondern auch mit etlichen anderen Körperteilen bewegt und berührt. Hier ist es sinnvoll, den Begriff „archaische Ballspiele" zu benutzen, die immer mit Mythos und Kult verbunden waren. Was Alteuropa betrifft, tappen wir da, bedingt durch die Quellenlage, mehr im Dunkeln als z.B. bei den alten Chinesen oder was das alte Japan betrifft. Auch bei den Azteken werden wir fündig. Was bereits zeigt: (Fuß-)Ballspiele sind keine europäische Erfindung. Die Freude am Ballspiel war in vielen Kulturen beheimatet.

Sehen wir uns die Azteken genauer an: Bälle wurden zwischen den Spielern geschleudert, meist von der Hüfte aus. Das Feld war ein zentraler Teil der Tempelanlage unter freiem Himmel. Die Anstrengungen der Spieler sollten die Anstrengungen der ordnenden Weltkräfte, wie z.B. der Sonne, auf magische Weise unterstützen. Die Genauigkeit des Ballspiels hatte die Zuverlässigkeit der Gestirnebewegungen aufzunehmen, auszudrücken und mitzutragen.

Die aztekische Religion kannte, eingebettet in Mythen und Symbole, die Gleichsetzung des Ballspielplatzes mit dem Himmel und des Balls mit den Gestirnen, vor allem mit der Sonne. Sieg und Niederlage drückten den Kampf zwischen Licht und Dunkel aus, der einmal die Sonne, dann wieder die Sterne überwand. Die Siegerehrung war etwas eigenartig: Der Mannschaftsführer der Sieger wurde ehrenvoll auf einen Opferhügel getragen. Dort wurde er von Priestern enthauptet. Das galt als hohe Ehre. Andere Völker, andere Sitten.

Nicht blutrünstig ging es laut einem Zeugnis des Ethnologen Catlin (1832) beim Fußballspiel der Choctaw-Indianer zu: "Bald nach Einbruch der Dunkelheit bewegte sich ein Zug von Fackeln von jedem Lagerplatz zum Spielfeld, wo sich die Spieler um ihre Tore versammelten. Darauf begann der Ballspieltanz unter dem Schall der Trommeln und den Gesängen der Weiber. Jede Partei tanzte eine Viertelstunde in ihrem Ballspielkostüm um ihr Tor, wobei sie die Ballschläger in heftigster Weise zusammenschlugen und mit dem größtmöglichen Stimmaufwand sangen, während die Frauen einer jeden Partei auf der Verbindungslinie zwischen beiden Parteien zwei Reihen bildeten. Auch sie tanzten in monotonem Schritt, vereinten ihre Stimmen zu Gesängen an den Großen Geist, dass er dem Spiel eine für sie günstige Wendung geben möge, und feuerten zugleich die Spieler an, ihre ganze Kraft in dem folgenden Kampfe einzusetzen. Unterdessen hatten sich vier alte Medizinmänner, die den Ball zu starten und als Schiedsrichter zu wirken hatten, an der Stelle niedergelassen, von wo der Ball geworfen wurde. Sie rauchten fleißig zum Großen Geist, um bei einem so wichtigen Anlaß ein gerechtes und unparteiisches Urteil fällen zu können." (Zit. nach Pieper, S.45)

Auch der Fußball im mittelalterlichen England, wo der Ball zwischen den Häusern hin- und hergetrieben wurde, hatte mit einer magischen Verbundenheit mit den Jahreszeiten zu tun, ebenso wie das Polo der Inder.

In Europa wurde die sakrale Dimension der Ballspiele durch den missionarischen Eifer des englischen Puritanismus in einem lange währenden geschichtlichen Prozess zerstört, der durch den Frühkapitalismus noch intensiviert wurde. Je mehr die alten europäischen Stammeskulturen zerfielen, verloren die Ballspiele ihre Doppelfunktion als kosmisches Ritual und als Gestalt des sozialen Lebens. Am Ende dieser Entwicklung erscheint das Fußballspiel als vordergründig profaner Spektakel und als nationalistische Emotionendusche.

Der europäische mittelalterliche Fußball hatte noch nichts mit der modernen Fußballmaschinerie zu tun. Er war ein bewährtes Mittel, um gemeinschaftliche Bande zu erneuern und enger zu schnüren. Trotz zahlreicher Repressionen blieb der Volksfußball noch lange Teil eines sozialen Zeremonienzyklus, der die Einheit und den Zusammenhalt von Dörfern und Stadtteilen immer wieder erneuerte. Eine wissenschaftliche These besagt, dass diese Fußballspiele eine Art der Selbstdarstellung der mittelalterlichen europäischen Sozialordnungen waren.

Rolf Lindner analysierte die spirituelle bzw. symbolisch-mythische Dimension des europäischen Volksfußballs: „So hat man in früheren Zeiten im Kampfe zweier Dorfgemeinschaften, um sich den Ball (das Sonnen- oder Mondsymbol) für das eigene Dorf zu erkämpfen, alle Kräfte und selbst das Leben eingesetzt, um im Spiele einen Spruch des Schicksals herauszufordern, seine Geneigtheit symbolisch zu erfragen; denn der Ball war das glückbringende Zeichen. War er für eine Dorfgemeinschaft erkämpft und in sie eingebracht worden, so zeugte dies nicht davon, wer besser gespielt hatte – denn alle hatten ja am besten gespielt, d.h. ihr Bestes und Letztes hergegeben -, sondern mit welcher Dorfgemeinschaft das Schicksal war, welcher es Glück verhieß". (Zit. nach Pieper, S.42)

Auch abergläubige Vorstellungen aus dem christlichen Bereich haben vereinzelt Eingang in den Fußball gefunden. In einem spätmittelalterlichen geistlichen Spiel wird die Seele des Judas in einen Fußball umgewandelt und von den teuflischen Geistern mit Händen und Füßen handfest bearbeitet.

In mittelalterlichen Dokumenten finden wir die ersten europäischen Erwähnungen des Begriffs „Fußball". Dabei ist festzuhalten, dass der mittelalterliche Fußball nicht nur den Füßen vorbehalten war. Vielmehr war er eine recht bunte, fast anarchisch anmutende Mischung als Fußball, Handball und oft recht derben Ringkämpfen. Gewalttätigkeiten traten öfters auf Grund vorhergehender Spannungen zwischen Personen oder Stadtteilen bzw. Dörfern auf. Gab es auch keine festgelegten Regeln, so wurde die latente Anarchie doch durch ungeschriebene örtliche Bräuche und „Gesetze" und durch regionale Traditionen gerechtfertigt. Jede Region hatte ihr eigenes Fußballspiel, das sich durch seine nur locker gehandhabten „Regeln", die Anzahl der Spieler und die Spieldauer von den vergleichbaren Ballspielen anderer Regionen unterschied. Manchmal blieb spontan die Arbeit liegen und die Menschen gaben sich den ganzen Tag ihrem Fußballspiel hin.

Wer sich dann Gewinner nennen durfte, war oft nicht so klar. Da es keine konkreten Regeln gab, war der Sieger oft nur schwer auszumachen und jeder konnte sich als solcher fühlen. Einiges deutet darauf hin, dass der Spaß beim Spielen und die Aktion als solche wichtiger waren als Siegerehrungen. Auch war die Unterscheidung zwischen Spielern und Zuschauern nicht ganz klar, d.h. sie verschwamm meistens. Jeder wollte da mitmachen, alle sozialen Klassen und alle Altersklassen und immer wieder ließen es sich auch die Frauen nicht nehmen, sich dem wilden Balltreiben hinzugeben.

Im 17. Jahrhundert begann dann die europäische Oberschicht, sich vom „Pöbelsport" zu distanzieren. Ab dieser Zeit wandelte sich der Volksfußball allmählich in unsere heute bekannten, regulären Sportarten um. Der aufkeimende Kapitalismus raubte allmählich den Regionen ihren speziellen Fußball, institutionalisierte und internationalisierte ihn und setzte ihn, beginnend im England des späten 19. Jahrhunderts, als nationalistisches Beruhigungsmittel für die revolutionäre Arbeiterklasse ein. Die Idee war, die rebellischen Energien der Arbeiter vom sozialen Kampf in eine nationalistisch angereicherte Fußballeuphorie umzulenken. Diese Taktik erzielte bis heute erkennbare Erfolge, auch wenn die revolutionäre Arbeiterklasse inzwischen alles andere als revolutionär geworden ist.

Fußball wurde nach dem allmählichen Ableben des wilden Volksfußballs zuerst in die bürgerliche Kultur integriert, erst 1883 gelang es dem englischen Arbeiterverein Blackburn Olympic sich zu profilieren. Daraufhin wirkten Klassenspannungen in die Fußballspiele hinein, sowohl bürgerliche als auch proletarische Fußballvereinigungen hatten ihre begeisterte Anhängerschaft.

Doch zurück zum entscheidenden Wandel im Volksfußball. Der Soziologe Otto Penz führte aus: „Das 18. Jahrhundert war von verstreuten Gemeinden, die von einer Selbstversorgungswirtschaft lebten, von kleinen und isolierten sozialen Inseln mit ihrem jeweiligen kulturellen Erbe geprägt. Aber schon bald, gegen das Ende dieser Epoche, wurden die sozialen Verhältnisse in Europa deutlich spannungsgeladener. Wandernde Scharen füllten die leeren Räume, lokale Gemeinschaften expandierten, die Ketten wechselseitiger Abhängigkeiten wurden schwerer, neben anderen Umwälzungen kann man die Geburt eines Wertewandels und einer auf Geld beruhenden Wirtschaft beobachten. Unvorhersagbares, unkontrollierbares Verhalten wurde allgemein als Bedrohung für die Morgendämmerung der kapitalistischen bürgerlichen Gesellschaft betrachtet, für ihre Organisation der Arbeit und ihren Handel mit Rohstoffen. Folglich wurden die buntgemischten, wirren Festivals und gefährlichen Spiele unvereinbar mit dem neuen Wertesystem, das auf kalkulierbaren und exakt definierten sozialen Beziehungen beruhte. ... Daher verschwand bereits im 17. Jahrhundert der wilde Volksfußball beinahe vollständig aus dem sozialen Leben Europas und wurde nicht wieder neu belebt, dafür aber zur gleichen Zeit in einen modernen Sport transformiert, der ab 1800 in den englischen Public Schools etabliert wurde." (Penz)

Der Volksfußball wurde bei diesem Prozess zu einer Geschichte des Aufruhrs, der Ausschreitungen, der Unordnung, des abweichenden Verhaltens. Immer wieder wurde Fußball deswegen verboten. Bereits vor der frühkapitalistischen Entwicklung, nämlich im 16. Jahrhundert, bekämpften englische Puritaner den Fußball, dessen heidnische Wurzeln und magische Bezüge sie kritisierten. Fußballvernarrte pflegten der Messe fernzubleiben und öfters vandalisierend durch die Straßen zu ziehen. Volksfußball blieb bis zu seinem Verschwinden eine Methode der Konfrontation mit der herrschenden Staatsgewalt. Trotz zahlreicher Versuche auf gesetzlicher Ebene gelang es den Herrschenden lange nicht, den Volksfußball in den Griff zu bekommen. Er hatte eine zentrale Funktion für den Widerstand der unteren sozialen Schichten.

Das Ziel des Fußballspiels veränderte sich im Rahmen der geschichtlichen Entwicklung. Ging es beim Volksfußball ursprünglich darum, den Ball in das eigene Dorf oder zum eigenen Kirchturm hinzutreiben, so wurde nun das gegnerische Tor zum Objekt der Begierde. Ein Spiel mit ausgeprägtem Verteidigungscharakter wandelte sich zum Angriffsspiel. Auch die Zuschauer mussten immer mehr den Profis das Spiel überlassen.

In anderen Kulturen hat sich die enge Verflechtung von Ball und Religion bis heute erhalten. So z.B. in der japanischen Kemari-Zeremonie, die Teil des Shintokultes ist. Jedes Jahr wird der sogenannte Kreisfußball nach alten Riten bei einem Tempel durchgeführt. Das Spiel ist Adeligen vorbehalten, ein Priester übernimmt die Rolle des Schiedsrichters. Es gibt keine gewinnende Partei, der Ball muss ununterbrochen in der Luft gehalten werden. Auch bei den Inuit („Eskimo") hat sich ein kultisch fundierter Fußball erhalten, der von Alt und Jung gespielt wird. Das gilt auch für das Fußballspiel auf Hawai oder bei den Tarahumara Mexikos.

Der moderne Fußball ist gestylt, die Heroen des Balls folgen festgesetzten Regeln, auch wenn sie diese bisweilen übertreten (Au! Foul!). Selbst dem modernen regulären Fußball haftet hintergründig noch eine verzerrte magische Aura an. Die Massenekstase, die immer wieder bei Spielen beobachtet werden kann, entzieht sich rational vernünftigem Verhalten, der Alltagsfrust löst sich in der unio mystica der tobenden Fangemeinde eines Clubs oder einer Nationalelf auf. Der Einzelne mit seinem Ichbewusstsein entschwindet in die pseudo-mythische, emotional hochgepeitschte Ideologie der Nation. Ein Vorgang, den auch die Nazis geschickt einsetzten.

Während auf der einen Seite immer noch die verzerrt-magische Faszination des modernen Fußballs Menschen bewegt, ja in Sphären jenseits des sonntäglichen Schweinsbratens katapultiert, hat sich auch die Gewalttätigkeit, die oft mit Fußball verbunden war, erhalten. Kam es im Mittelalter immer wieder zu Prügeleien zwischen verfeindeten Dörfern, später dann zu Vandalenakten nach den Spielen, so terrorisieren heute Hooligans mit ihren teilweise rechtsextremen Bezügen das fußballvernarrte Volk und später, nach dem Spiel, die Bevölkerung in den Straßen.

Roman Schweidlenka


LITERATUR:

Rudolf zur Lippe: Sport und Politik. In: Politische Bildung. Zeitschrift für Erwachsenenbildung Nr.1/86

Otto Penz: Reading Games. Ballgames of the North American Indians and in late medieval Europa. University of Calgary, Calgary 1990

Werber Pieper (Hg): Der Ball gehört uns allen. Der grüne Zweig 153, Löhrbach o.J.

Hubert Patterer: Der veruntreute Glaube an die Poesie des Spiels, in: Kleine Zeitung, 20. 4. 06

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Stadt Graz, Amt für Jugend und Familie auf www.graz.atLand Steiermark, Abteilung 6 Bildung und Gesellschaft auf www.verwaltung.steiermark.at

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